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- Archiv 2013 -

Abriss des Hochhauses Tietzstraße 1 hat begonnen

Jetzt geht es an die Substanz :
An der Tietzstraße 1 hat der Abriss des 49-Parteien-Hochhauses begonnen. Seit Mittwoch, den 18. September 2013, trägt ein Bagger das Gebäude ab, während ein zweiter parallel die alten Öltanks ausgräbt. Drei bis vier Wochen soll es dauern, dann ist nach Planungen der Gemeinnützigen Baugesellschaft ( gbg ) das Gebäude Geschichte.

Eigentlich hätten die Abrissbagger bereits im Sommer anrücken sollen - aufgrund der lang anhaltenden Hitze mussten die Vorarbeiten jedoch zeitweise ausgesetzt werden. „Wir haben riesige Mengen an schadstoffreichem Material entfernen müssen", sagt Bauleiter Frank Stoll. „Dafür brauchten die Arbeiter spezielle Anzüge und Atemschutzmasken. Bei Hitze ist es darin nicht auszuhalten." Zur Vorbereitung des Abrisses hätten außerdem Türen, Stahlrohre, Fußbodenbeläge und andere Gegenstände entfernt werden müssen - und das dauere. „Eine sorgfältige Trennung ist wichtig, damit der Beton anschließend wiederverwendet werden kann", sagt Stoll.
600 laufende Meter Asbestrohre hätten die Arbeiter seit Juni 2013 freigelegt. Für ein Gebäude dieses Baujahrs sei das völlig normal. Gelagert hat das Unternehmen die Schadstoffe bis zuletzt in riesigen Säcken vor dem Haus. Gestern wurden sie in Container verladen und auf eine Sondermülldeponie bei Hamburg gebracht.
Bis Ende November 2013 soll nach den Planungen der Abrissfirma auch das letzte Häufchen Schutt abtransportiert, die Löcher, in denen die Öltanks lagen, verfüllt und die Fläche frei für die Bebauung sein.
Rund 150.000,- Euro soll das alles kosten. Dass der Abriss überhaupt nötig wird, ist laut gbg-Sprecher Frank Satow ein „Rätsel des Marktes" : „In dem weitgehend identischen Haus an der Lohdestraße hatten wir bislang überhaupt keine Probleme mit Leerstand - an der Tietzstraße dagegen sind im Laufe der Jahre immer mehr Menschen ausgezogen." Ein Grund dafür sind offenbar die ungewöhnlichen Größen der Wohnungen : Mit bis zu 110 Quadratmetern bieten sie zu viel Platz für moderne Single-Haushalte. Und auch die Zuschnitte sind nach Ansicht der gbg nicht ideal. Dabei galt das 1965 erbaute Hochhaus einst als Musterbeispiel für modernes Wohnen : Heizungen, Toiletten sowie fließendes Wasser in den Wohnungen und eine gute Infrastruktur im direkten Umfeld waren zu dieser Zeit nicht selbstverständlich.
Für manche Anwohner endet mit dem Abriss denn auch ein langes und wichtiges Kapitel ihres Lebens. „Wir haben als Kinder in dem Rohbau gespielt und die leeren Flaschen der Bauarbeiter eingesammelt", erinnert sich Birgit Ernst. „Dafür gab es dann 15 Pfennig Pfand." 40 Jahre lang habe sie in Drispenstedt gewohnt, 14 davon in dem gegenüberstehenden Hochhaus an der Lohdestraße. Eigentlich habe sie nie wegziehen wollen, aber private Umstände hätten sie dazu gezwungen. „Heute komme ich einmal in der Woche meinen Bruder besuchen, der an der Lohdestraße wohnt. Das ist für mich immer auch eine Reise in die Vergangenheit", sagt Ernst. Dass das Hochhaus an der Tietzstraße nun abgerissen wird, bedauert sie sehr. „Ich verbinde damit einfach so viele schöne Erinnerungen."
Andere Hildesheimer sehen den Abriss nüchterner. Hartmut Müller aus der Gebauerstraße etwa glaubt an ein Vorzeichen eines grundsätzlichen Wandels. „Diese großen Häuser sind ein Auslaufmodell. Da möchte heute niemand mehr drin wohnen", sagt er. Das will auch der 77-jährige Drispenstedter Bernard Lübbecke nicht mehr. Er gehörte zu den Bewohnern der ersten Stunde - und verließ als einer der letzten das Gebäude. Dennoch sind seine Erinnerungen nur wenig nostalgisch : „Von den 47 Jahren, die ich in dem Haus gelebt habe, war es nur die ersten 20 gut. Dann sind immer mehr Leute eingezogen, die nichts außer Alkohol und Party im Kopf hatten."
Nach dem Abriss des Hochhauses will die gbg auf dem Areal bis zu 15 Reihen- und Doppelhäuser errichten lassen. Die Baumaßnahme versteht sie als Teil einer großangelegten „Qualitätsoffensive" für den Stadtteil :
„Wir wollen das Image Drispenstedts weiter verbessern“, erklärt gbg-Chef Jens Mahnken.

© SIR... Dieter Sander